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Zwei Wochen im Kanu über finnische Seen

Im Sommer 2010 hatte uns wieder mal das Paddelfieber erwischt. Zusammen mit meinem Kanu-Partner Mark machte ich mich am 22. Juli auf den Weg nach Finnland. Schon die Anreise war ein kleines Abenteuer, denn wir hatten uns für die Anfahrt mit dem PKW über die "Via Baltica", die Route E 67 entschieden. Diese führte uns 1700 km über Görlitz, Wroclaw, Warschau, Kaunas, Riga und nach einer kurzen Übernachtung am lettischen Ostseestrand weiter nach Tallinn, wo wir die Fähre nach Helsinki nahmen, um anschließend noch weitere 400 km bis nach Oravi zu fahren. Die E 67 können wir durchaus empfehlen - nicht nur für Reisen nach Finnland. An keiner der vielen Grenzen gab es Kontrollen, der Straßenzustand ist gut und es gibt überall Tankstellen und Hotels. Etwas Geduld muss man mit dem dichten LKW-Verkehr und den zahlreichen Ortsdurchfahrten haben - vor allem in Polen kommt man dadurch nur langsam voran.

Vorbereitung

Oravi ist ein kleiner Ort im Zentrum des Saimaa-Seengebietes und ein idealer Ausgangspunkt für Touren in die Nationalparks Kolovesi und Linnansaari. Wir hatten hier bei Saimaa Holidaay einen geräumigen Zweier-Kanadier (Old Town Discovery) für 14 Tage reserviert. In der Kanumiete sind drei Paddel, Schwimmwesten und zwei Packsäcke enthalten. Weitere Ausrüstung kann hinzugemietet werden. Weiterhin bekommt man eine wasserfeste Karte ausgeliehen, die sehr detailliert ist und alle Camping- und Versorgungsmöglichkeiten zeigt. Unterwegs wird neben der Karte auch ein Kompass benötigt, sonst verliert man schnell den Überblick. Ein GPS-Empfänger ist natürlich auch hilfreich, aber nur wenn er über eine gute Karte oder vorbereitete Wegpunkte verfügt.

Wie auch schon beim letzten Mal wurden im Vorfeld Route und Proviantliste grob geplant und per E-Mail untereinander ausgetauscht. Der umfangreiche Proviant füllte zwei große Plastikkisten, hinzu kamen nochmal drei Paletten Dosenbier, die wir größtenteils in Polen kauften. Das polnische Bier ist übrigens süffiger als das deutsche, dafür aber nicht ganz so herb. Die Dosen sind pfandfrei, d.h. man muss nicht penibel darauf achten, dass sie die ganze Tour ohne Knitter überstehen, sondern kann sie platzsparend zusammenfalten. Natürlich haben wir unseren Müll niemals in der Natur zurückgelassen, sondern solange mitgenommen, bis es eine Möglichkeit zur Entsorgung gab. Aufgrund Marks durchdachter Essensplanung mussten wir unterwegs nirgends nachkaufen - was auch auf dem See nur selten möglich war - und konnten uns voll auf die Natur konzentrieren.

Unsere Checkliste mit Ausrüstung und Proviant hänge ich am Ende der Seite an.

Camping

In den Nationalparks ist das Camping nur an ausgewiesenen Plätzen gestattet. Meiner Ansicht nach passt die Bezeichnung "Nature Camp" am besten dafür. An jedem Platz befindet sich mindestens eine Feuerstelle, eine Hütte mit Feuerholz, Säge und Axt, eine Trockentoilette und eine Informationstafel. Alle Plätze, die wir besichtigten, waren liebevoll gepflegt, sauber und mit ausreichend Brennholz ausgestattet. Die Benutzung der Plätze ist kostenlos. Man kann nur hoffen, dass jeder Besucher die Plätze in Ordnung hält, damit sie noch viele Jahre so einladend sind. Wegen des unebenen Untergrunds ist es allerdings oft schwierig, eine Stelle für das Zelt zu finden. Manchmal gibt es dafür Plattformen, auf denen man das Zelt aufbauen muss. Daher ist ein Nature Camp meist schon "voll belegt", wenn nur zwei oder drei Zelte drauf stehen, was in der Hauptsaison oft passieren kann. Richtig einsam ist man also in Südfinnland nicht, kann aber einen respektvollen Abstand zu anderen Campern wahren, der nach unserer Beobachtung den Finnen sehr wichtig ist.

Gefahren

Das Reisen auf den finnischen Seen ist ungefährlich. Im Saimaa-Gebiet gibt es keine Bären oder andere gefährliche Tiere. Irgenwelche Waffen kann man getrost zu Hause lassen. Überall gibt es Mobilfunkabdeckung über die man in Notsituationen Hilfe rufen könnte. Ein bisschen Umsicht und gesunder Menschenverstand ist trotzdem angebracht. Auf dem Wasser kann es in extremen Situationen zum Kentern kommen. Wir haben einmal am flachen Strand getestet, ob man nach dem Kentern das Kanu wieder aufrichten und einsteigen kann - es ist uns nicht gelungen. Dies sollte man ggf. bei der Streckenplanung berücksichtigen. Ach ja, Paddeln bei Nacht ist zwar cool, aber nicht empfehlenswert.

Wetter

Der Sommer 2010 war - im Gegensatz zu Deutschland - in Finnland ungewöhnlich heiß. Einige Tage hatten über 30° C und manchmal meinte ich, den Rauch der Waldbrände zu riechen, die damals 1000 km weiter östlich überall in Russland wüteten. Abgesehen von der lähmenden Hitze und ein paar heftigen nächtlichen Stürmen - die auch überall Bäume entwurzelten - war das Wetter einfach ideal zum Paddeln, Baden und Entspannen am See. Dass es nicht in jedem Sommer so herrlich ist, bestätigten uns auch einige Finnen, die wir unterwegs trafen. Idealerweise sollte man also die Route so wählen, dass man ein paar Etappen auslassen kann.

Route


Größere Kartenansicht

Obwohl ich ein ausführliches Tagebuch geschrieben habe, möchte ich diesmal auf die Veröffentlichung verzichten und nur die Wegpunkte und wesentlichen Ereignisse der Strecke nennen.

Tag/
Strecke
Ort/
Wegpunkt
Beschreibung
0
Oravi
62° 9.263 N
28° 28.612 E
Bei unserer Ankuft in Oravi besuchen wir die Kanuvermietung und bekommen vorab schon die Gewässerkarte zwecks Planung überreicht. Mit dem Auto suchen wir uns am Ortsrand von Oravi eine ruhige Stelle und übernachten im Wald an der Wendeschleife eines Waldweges
1
17,25 km
Iso-Matti
62° 11.267 N
28° 40.016 E
Übernahme des Kanus, das Auto darf zwei Wochen auf dem Parkplatz stehen bleiben. Aufbruch Richtung Kolovesi-Nationalpark. Die anfangs große Zahl von Mökkies am Seeufer nimmt mit größerer Entferung zu Oravi langsam ab. Schließlich finden wir bei Iso-Matti eine flache Halbinsel, wo wir ausser Sichtweite der Hütten sind und auch schon eine vorbereitete Feuerstelle vorfinden
2
25,5 km
Biber-Insel
62° 15.997 N
28° 46.364 E
Zwischen Pieni Kolovesi und Kolovesi gibt es eine Passage, die nur mit kleinen Booten befahren werden kann. Danach finden wir eine kleine Insel mit Feuerstelle. Gegenüber wohnt ein Biber, der uns nachts mit lauten Klatsch-Geräuschen Angst einjagen will
3
14 km
Manager-Insel
62° 12.517 N
28° 54.221 E
Sehr schöner Anlegesteg zum Baden und Angeln, viel Kanukundschaft. Ein junger Finne - Managertyp - erklärt uns das Fressverhalten finnischer Fische und weist uns in das Beerensammeln mittels einer speziellen Sammelvorrichtung ein
4
18,25 + 2 km
Junggeselleninsel
62° 18.518 N
28° 44.690 E
Gegen Mittag machen wir einen Rundgang auf dem Nature Trail, der am gegenüberliegenden Ufer beginnt. Auch im Wald ist es heiss, und wenn man stehenbleibt, wird man von Mücken und Bremsen gebissen. An einer schönen Stelle mit Blick auf den See machen wir eine Bierpause. Wegen der Hitze legen wir erst um 21 Uhr zur Nachtfahrt ab. Zwei Camps lassen wir liegen, weil alle Stellplätze schon besetzt sind. Obwohl es nie richtig dunkel wird, kann man gegen Mitternacht am Ufer keine Campingmöglichkeiten ausmachen. Gegen 1 Uhr erreichen wir die Insel Pitkäsaari, wo uns drei junge Finnen in Feierlaune aus dem Wasser helfen
5
13 km
Entenhütte
62° 22.483 N
28° 42.530 E
Vorbei an den Felszeichnungen, durch die Selbstbedienungsschleuse in den Ruokovesi und weiter in den Kanal Richtung Kerma. Eis am Stiel bei Restaurant Wirran Wietävän. Nach einer Stelle mit Gegenströmung auf der linken Seite eine Schutzhütte mit verfallener Feuerstelle. Auf dem Bootssteg wohnen Enten
6
20,25 km
Gewitterinsel
62° 17.792 N
28° 40.789 E
Umkehr nach Überarbeitung der Routenplanung und Rückfahrt in den Ruokovesi, dann Richtung Südwesten mit Ziel Haukivesi. Nach einigen Fehlversuchen finden wir die kleine Insel Talassaari mit schönem Platz für das Zelt. Nachts tobt ein Sturm, der unser Zelt zu Boden zwingt. Zum Glück fallen keine Bäume um
7
19 km
Kochlöffelinsel
62° 11.507 N
28° 35.060 E
Weitere Etappe Richtung Haukivesi. Wind kommt aus Westen und erzeugt beachtliche Wellen. Kleine Einkaufsmöglichkeit bei Sompasaarentie. Ein kurzer Regenschauer auf dem See - der einzige in diesen zwei Wochen. Wieder einige Versuche, einen Platz für das Zelt zu finden. Die kleine Insel Reposaari bietet ein kleines Plateu mit einer Feuerstelle. Hier bleibt auch leider unser Holzlöffel liegen, den wir am nächsten Abend vermissen werden
8
14,5 km
Cast-Away
62° 11.979 N
28° 21.211 E
Querung der Autofähre in den Haukivesi an einem windigen Tag mit wechselhaftem Wetter. Die Einkaufsmöglichkeit neben der Fähre bei Tappuvirta nutzen wir nicht. Auf dem offenen See zwingt uns der starke Wind aus Südwest mit gefährlichen Wellen die Richtung auf. Nach kurzer Mittagspause zum Ausschöpfen des Bootes auf der Insel Suuri-Horkka finden wir das Camp Huuhinsaari mit flachem Sandstrand, schöner Feuerstelle und romantischem Blick auf den See
9  Ruhepause auf der schönen, einsamen Insel
10
18 km
Party-Insel
62° 11.945 N
28° 11.848 E
Bei ruhigerem Wetter geht es weiter Richtung Westen. Vorbei an einem Adlerhorst erkunden wir die beiden Camps Vuorikiukas und Harronsaari zur Mittagspause. Da es aber noch zu früh für den Feierabend ist, queren wir den See Richtung Süden und finden das Camp Taivalsaari. Bei unserer Ankunft verlassen gerade vier Finnen mit einem Motorboot die Insel. Wir können nur vermuten, dass sie hier eine wilde Party feiern wollten. Die Stellmöglichkeiten für das Zelt sind sehr eingeschränkt, nur direkt vor der Brennholzhütte ist ausreichend Platz
11
28,5 km
Ameiseninsel
62° 5.177 N
28° 30.101 E
Einfahrt in den Linnansaari-NP. Anspruchsvolle Navigation wegen vieler Inseln und Passagen. Die Nähe zu Oravi macht sich bemerkbar - zwei Camps (Perpulanluhta, Mäntyluoto) lassen wir liegen, weil sie von lärmenden deutschen Jugendlichen bevölkert sind, die vermutlich den ersten Tag auf dem See hinter sich haben. Die Inseln weiter südlich haben leider durchgehend schroffe, steinige Ufer, die zum Anlegen ungeeignet sind. Erst gegen 21 Uhr finden wir diese kleine Insel, die von Ameisen und wilden Bienen bevölkert ist und auch nur genau einen ebenen Fleck für unser Zelt bietet
12
16 km
Dampferinsel
61° 59.939 N
28° 39.846 E
Aufbruch zum südlichsten Punkt unserer Route an einem sonnigen Tag mit starkem Wind. Hangeln uns über mehrere 4 bis 5 km lange Streckenabschnitte über den offenen See. Wieder schwappen Wellen über die Bootskante. Am Westufer der Insel Hevossalo lädt der Sandstrand zum Baden ein. Dann noch eine längere Strecke mit Gegenwind und hohen Wellen zur Insel Seurasaari, wo wir uns das weitläufige Camp und das flache Nordufer mit einer finnischen Familie und ihrem "Dampfer" teilen
13
12 km
Hechtinsel
62° 4.710 N
28° 36.371 E
Aufbruch nach Norden an einem stillen Tag mit leichtem Rückenwind. Eine Wettfahrt mit mehreren russischen Kombi-Kayaks verlieren wir knapp - die Boote sind echt schnell und bieten doch eine Menge Stauraum. Kurz taucht in 100 Meter Entfernung der Kopf einer Saimaa-Robbe auf, aber schnell ist sie wieder verschwunden. Die Insel Louhisaari ist schließlich unser letztes Camp auf dieser Tour und bietet uns eine schöne Feuerstelle, hohe Felsen zum Genuss des Feierabendbieres sowie einen kleinen Hecht, der uns an die Angel geht. Abends bekommen wir Besuch von einem finnischem Päärchen - sie bleibt die ganze Zeit im Boot, er setzt sich eine Weile zu uns und erzählt uns ein paar Sätze in wackeligem Englisch
14
4,2 km
Rückkehr nach Oravi
62° 6.853 N
28° 36.379 E
An einem Sommertag wie aus dem Bilderbuch steuern wir auf direktem Kurs den Hafen von Oravi an, den wir gegen 14 Uhr erreichen. Nach einer Stunde ist das Gepäck ins Auto verladen und das Kanu abgegeben. Wir verlassen Oravi und fahren zurück nach Helsinki. Das Erreichen der 22-Uhr-Fähre wird zum Glücksspiel, denn wir haben keine Reservierung und es ist Freitag. Schließlich dürfen wir doch noch mitfahren - als vorletztes Auto - und erreichen gegen Mitternacht Tallinn. Vor uns liegt eine kurze Nacht am Ostseestrand und anstrengende 1700 km Heimfahrt.


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30.01.2011, Achim Walther, Mail